II - Die Architektur der Brüder Ludwig als wissenschaftliches Projekt!

Ausstellung im Foyer "Architektur auf Reisen"

01/04/2026 Architektur auf Reisen
Touriseum
Ein unerwarteter Fund wird zum Schlüssel neuer Erkenntnisse.

Seit 2024 erforschen das Touriseum – Südtiroler Landesmuseum für Tourismus und das Institut für Architekturtheorie und Baugeschichte der Universität Innsbruck im Rahmen eines sogenannten „Research-Südtirol-Projekts“ die Bauten der Brüder Ludwig. Anlass für die gemeinsamen Untersuchungen war die Wiederentdeckung eines Teilnachlasses des Architekturbüros in Meran, der sich mittlerweile in der Sammlung des Touriseum befindet. Bereits bei der Sichtung des Materials zeigte sich, dass es so manche Rarität enthält. Dazu zählen z. B. großformatige Handzeichnungen im Format 1 : 1, die für Stuckdetails wie Girlanden, barockisierende Muscheln etc. angefertigt wurden. Die dargestellten Motive finden sich heute noch in und an den Hotelbauten der Brüder Ludwig in Südtirol. Mittlerweile sind alle Architekturdarstellungen katalogisiert und die wichtigsten von ihnen digitalisiert. Zudem konnte der Kanon an zu untersuchendem Material erweitert werden. 

Besondere Beiträge hierzu leisteten die Nachfahren der Familie, insbesondere der Enkel von Alois Ludwig, Kristian Ludwig, mit seiner Sammlung von Hunderten Fotografien. Ferner ist Franz Staffler vom Parkhotel Laurin in Bozen zu nennen, der einen Bestand an historischen Plänen zu seinem Haus aufbewahrt und nun der Forschung zur Verfügung stellt. Neben den hier in diesem Katalog und der Ausstellung gezeigten Bauten widmet sich das Forschungsprojekt auch den Werken der Architekten in Düsseldorf, Köln, München, Wien und Brünn. Die Ergebnisse dieser Forschung werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht. 

Von (tourismus-)historischer Bedeutung waren auch die familiären Verbindungen der Architekten. Der Schwiegervater von Alois Ludwig war der ebenfalls aus Brünn stammende Industrielle Friedrich Wannieck (1838–1919). Der wohlhabende Unternehmer war nicht nur langjähriger Kurgast in Meran, sondern auch Bauherr der Villa Salgart, zu der ein Obst- und Weingut gehörte. Zusammen mit Wannieck „reisten“ aber auch radikale deutschvölkische Ideen nach Südtirol, die Gegenstand eines gesonderten Forschungsteils sind. Das Zusammentreffen der Brüder Ludwig mit Friedrich Wannieck und seinem ideologischen Umfeld ist im Rahmen der Forschungen noch in anderer Hinsicht von Bedeutung. In der jüngeren Vergangenheit befassen sich wissenschaftliche Arbeiten vermehrt mit der Politisierung der Architektur in Österreich und Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Vor dem Hintergrund der europäischen Nationenbildungen („nation building“) entwickelten sich im deutschsprachigen Raum unterschiedliche Formen von Deutschnationalismus bzw. deutschvölkischen Ideologien – bis hin zu radikalen Formen des Pangermanismus, zu Gruppierungen wie der von Wannieck geförderten Guido-von-List-Gesellschaft und zur „Ariosophie“. Im Lauf dieses Ideologisierungsprozesses wurde Architektur zu einem Instrument, das auch der politischen Zeichensetzung von Deutschtum („Germanness“) diente – wobei anzumerken ist, dass der Begriff „Austrianness“ in dem Zusammenhang nicht geprägt wurde. Das ist darauf zurückzuführen, dass man das komplexe Feld der Architektur sinngemäß auch mit einer Sprache – dem Deutschen – in Verbindung bringen kann.

Bettina Schlorhaufer

Im nächsten Monat geht es weiter mit neuen Einblicken zum Thema: 

Architekturtransfer von Norden nach Süden