III - Architekturtransfer von Norden nach Süden
Ausstellung im Foyer "Architektur auf Reisen"
Das Bauwesen im Transitland Südtirol war in vielerlei Hinsicht von äußeren Einflüssen geprägt. Insbesondere nach Bayern pflegte man traditionell gute künstlerische Beziehungen, auch weil es im Land selbst keine Architekturschule gab. Angehende Baumeister hingegen fanden selbst in den Tälern gute Lehrer und der Austausch mit angrenzenden Regionen und Wirkungsstätten war rege. Mancher Maurer oder Steinmetz aus Südtirol ließ sich sogar in München oder einer anderen Großstadt nieder. Ein Beispiel dafür ist der Vater des Architekten Lois Welzenbacher (1889–1955), der als Steinmetz vom Vinschgau nach München zog. Nicht zuletzt arbeiteten auch Nordtiroler Baumeister im südlichen Landesteil – insgesamt Wanderbewegungen, die von der jeweiligen Auftragslage abhingen.
Im Kontext des Architekturtransfers nach Südtirol sind auch die österreichische Monarchie und die Eisenbahn anzuführen. Für wichtige Bauaufgaben entsandte das Kaiserhaus Architekten. Beispielsweise reiste der „Gotiker“ Friedrich von Schmidt (1825–1891), der Erbauer des Wiener Rathauses, zusammen mit seinen Studenten nach Bozen, um Bauschäden am Schloss Runkelstein zu begutachten und später zu restaurieren. In einem Bericht an die k. k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale – den Vorläufer der heutigen Denkmalämter – warnte der prominente Architekt in Verbindung mit dem Reichtum des „Etschlandes“ an mittelalterlichen Kunstschätzen aber schon 1875 vor einem falsch verstandenen Kulturtourismus. Damit kann man in Schmidt den ersten Tourismusskeptiker Südtirols sehen. Der Bau der Eisenbahnen hinterließ in Südtirol nicht weniger bemerkenswerte Spuren, zumal ihre Ingenieure ausgewiesene Fachkräfte waren, die ihr Wissen von Bauprojekt zu Bauprojekt und damit von Kulturraum zu Kulturraum transferierten. Karl Etzel (1812–1865) und Wilhelm Flattich (1826–1900) – beide später in den Adelsstand erhoben – stammten aus Württemberg.
Nicht nur in technischen Bereichen, auch auf dem Gebiet des Hochbaus galten ihre Planungen als richtungsweisend. Sie gestalteten seriell Bahnhöfe unterschiedlicher Größe und beeinflussten mit ihrer quasi „industriellen“ Bauproduktion das Erscheinungsbild ganzer Landstriche. Darüber hinaus initiierten bzw. entwarfen sie große Hotelprojekte. Etzel soll während des Baus der Brennerbahn in den 1860er Jahren mit Blick auf die Berggipfel im Pflerschtal den Anstoß für die Entwicklung des Fremdenverkehrs in Gossensass gegeben haben, womit er auch den Weg für den späteren Bau des Palasthotels Wielandhof durch die Brüder Ludwig ebnete. Flattich entwarf zwischen 1877/1878 und 1895 in mehreren Etappen das Dolomitenhotel (auch: Grandhotel) in Toblach und brachte damit eine prototypische Schweizer Bauweise für Kur- und Berghotels nach Südtirol.
Bettina Schlorhaufer
Im nächsten Monat vertiefen wir das Thema: